Psychiatrische Pflege

Lerneinheit 11.1.1 · mediCampus Chemnitz

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Setting

Was macht psychiatrische Pflege besonders?

Psychiatrische Stationen unterscheiden sich grundlegend von somatischen Bereichen: wohnlichere Atmosphäre, Alltagskleidung für alle, keine sichtbare Hierarchie durch Berufskleidung.

🔑 Spezialisierungen

  • Gerontopsychiatrie
  • Sozialpsychiatrie
  • Forensische Psychiatrie
  • Psychopharmakotherapie

📋 Aufgabenbereiche

  • Krankenbeobachtung & Dokumentation
  • Medikamentengabe (teils unter Zwang)
  • Gesprächsführung & Beziehungsgestaltung
  • Alltagstraining & Psychoedukation
  • Milieutherapeutische Interventionen
  • Sport und Bewegungsangebote

Aufnahme

1.1 Aufnahme auf der psychiatrischen Station

Die Aufnahme kann sehr unterschiedlich verlaufen – sie kann als Entlastung erlebt werden oder aber unfreiwillig erfolgen. Der Klinikschock kann zu Kurzschlussreaktionen bis hin zum Suizidversuch führen.

⚠️ Klinikschock: Enge Betreuung und Begleitung direkt bei der Aufnahme ist essenziell! Der Erstkontakt kann entscheidend für den gesamten weiteren Behandlungsverlauf sein → ruhig & freundlich gestalten.

📋 Erstgespräch

  • Probleme aus Sicht des Patienten erfassen
  • Ressourcen und Hobbies erfragen
  • Nicht zu lange – da belastend
  • Bei potenziell gefährlichen Patient*innen: zu zweit

🔍 Fremdanamnese

  • Nur mit Erlaubnis des Patienten
  • Begleiter als wichtige Informationsquellen
  • Datenschutz strikt beachten
  • Im Team auswerten (Vorsicht: Perspektive)
🔑 Sonderfall Durchsuchung: 4-Augen-Prinzip + Dokumentation. Idealerweise mit sinnvoller Tätigkeit verbinden (z.B. gemeinsames Einräumen des Schrankes).

Fixierung (medikamentös/physisch): Arztanordnung zwingend erforderlich, schriftliche Dokumentation, angemessener und wertschätzender Umgang auch in dieser Situation.

Entlassung

1.1 Entlassung – ein kritischer Übergang

Die Entlassung muss langfristig und umfangreich vorbereitet werden. Komplikationen bei der Rückkehr in das bestehende soziale Umfeld sind zu erwarten.

  • Belastungserprobungen im häuslichen Bereich vorab (stundenweise, über Wochenende)
  • Alltagstraining während des stationären Aufenthalts bereitet auf Rückkehr vor
  • Lange Aufenthaltszeiten führen zu persönlichen Bindungen – Abschied kann schwer fallen
  • Anschlusshilfen planen: ambulante Therapie, Sozialpsychiatrischer Dienst, Krisenplan
⚠️ Jennys Beispiel zeigt: Entlassungsangst ist typisch! Am Mittwoch vor Entlassung wurde sie ängstlicher und zog sich zurück – gemeinsame Vorbereitung und Krisenplan sind entscheidend.

1:1-Betreuung

Sitzwache und ständige Begleitung

1:1-BetreuungEine Pflegefachkraft ist ausschließlich für einen einzelnen Patienten zuständig – mit ständiger Anwesenheit (Sitzwache/Begleitung), meist über einen festgelegten Zeitraum. Immer mit pflegerisch-therapeutischem Auftrag, nicht nur Überwachung.

Indikationen:

Akute Suizidalität Selbstgefährdung Fremdgefährdung Psychotische Zustände Starke Angst-/Panikzustände
🎯 Ziel der 1:1-Betreuung: Schutz, Stabilisierung und Beziehungsgestaltung – nicht Kontrolle oder Überwachung als Selbstzweck.

Supervision

Selbstreflexion und Entlastung

Supervision ist in der psychiatrischen Pflege keine Option, sondern professionelle Notwendigkeit. Sie dient der Erörterung von Problemsituationen, dem Umgang mit schwierigen Patient*innen und dem Abbau von Teamspannungen.

🔄 Übertragung

Patient*innen übertragen Gefühle und Erwartungen aus früheren Beziehungen auf die Pflegeperson (z.B. Mutter-/Vaterübertragung).

🔄 Gegenübertragung

Die eigene emotionale Antwort auf die übertragenen Emotionen – kann Wahrnehmung und Handeln stark beeinflussen. Selbstreflexion essenziell!

Grundlage

Warum ist Beobachtung so wichtig?

💡 Krankenbeobachtung ist die wichtigste Grundlage für Diagnose und Therapie in der Psychiatrie! Pflegende verbringen am meisten Zeit mit den Patient*innen – ihre Beobachtungen sind unersetzlich.

Beobachtungsschwerpunkte I

  • Aufgeschlossenheit, Gesprächsbereitschaft
  • Halluzinationen, Wahngedanken
  • Denkstörungen, Konzentration
  • Mimik, Gestik, Sprache, Körperhaltung
  • Körperpflege und Kleidung
  • Stimmungsschwankungen, Aggression

Beobachtungsschwerpunkte II

  • Suizidale Tendenzen
  • Krankheitseinsicht
  • Soziale Fähigkeiten (Pünktlichkeit, Ordnung)
  • Gestaltung des Privatbereichs
  • Integration in Stationsgemeinschaft
  • Freizeitverhalten
  • Wirkung/Nebenwirkung von Medikamenten

Subjektivität

Einflussfaktoren auf die Wahrnehmung

Eigene Wahrnehmung wird durch verschiedene Prozesse beeinflusst – dies muss aktiv reflektiert werden:

Vorabinformationen Vorurteile Kulturelle Besonderheiten Geschlechtsspezifisches Rollendenken Gewöhnung Eigene Wünsche
Vermeidung von Subjektivität: Viele Teambesprechungen + differenzierte Beobachtung. Klare Unterscheidung zwischen Wahrnehmung, Interpretation und Reaktion.
DokumentationsregelWas beobachtet wurde (Wahrnehmung) klar trennen von dem, was vermutet wird (Interpretation). Nur Beobachtbares dokumentieren – sachlich, zeitnah, lückenlos.

Ziele

Was soll Beziehungsgestaltung bewirken?

  • Patient*in kann Möglichkeiten der Klinik nutzen
  • Er/sie fühlt sich sicher und einigermaßen wohl
  • Wenig oder keine Angst vor der Behandlung
  • Aktive Mitarbeit am therapeutischen Geschehen
→ Selbstverantwortung sollte Resultat, nicht Bedingung der Therapie sein!

Gesprächsführung

Gespräche im Beziehungsaufbau

Grundprinzipien:

  • Deutliche, angemessene und langsame Aussprache
  • Zeit nehmen, entspannte Atmosphäre schaffen
  • Gesprächsdauer zu Beginn festlegen (schafft Struktur)
  • Störungen vermeiden
  • Inhalt vom Patienten bestimmen lassen
  • Verbale und nonverbale Kommunikation beachten
  • Wahninhalten nicht widersprechen, aber auch nicht bestärken
  • Bei Unklarheiten gezielt nachfragen
  • Möglichst keine „fertigen Lösungen" präsentieren

Häufige Probleme:

  • Patient möchte/kann nicht sprechen → kurze Kontakte mit Schweigen, kein Druck
  • Patient weint → akzeptieren, Taschentücher, empathisch zurückhaltend
  • Patient wünscht Geheimnis → Schweigepflicht, Selbstgefährdung abschätzen, ggf. mit Behandler besprechen
  • Patient bricht Gespräch ab → akzeptieren, keine Wertung, später wieder Kontakt suchen

Angehörige

Umgang mit Bezugspersonen

  • Angehörige erleben möglicherweise Verlust der Lebenssicherheit, Schuldzuweisungen
  • Ernst nehmen, nicht mit Vorurteilen oder Vorwürfen konfrontieren
  • Information nur unter Einverständnis des Patienten!
  • Angehörigengruppen als Austauschmöglichkeit anbieten
  • Team ist oft auf Mitarbeit auch „schwieriger" Angehöriger angewiesen

Professionelle Grenzen

Nähe vs. Verstrickung – Fallbeispiel Kristin & Jenny

Kristin tauscht mit Jenny bei Entlassung Nummern und schreibt am Wochenende auch über eigene Beziehungsprobleme – beides sind klare Grenzüberschreitungen, auch wenn die Absicht fürsorgend war.

✅ Professionelle Nähe

  • Empathisches Zuhören
  • Echtes Interesse an der Person
  • Vertrauensvolle Arbeitsbeziehung
  • Verlässlichkeit und Kontinuität

❌ Verstrickung

  • Private Kontaktdaten tauschen
  • Geheimnisse vor dem Team halten
  • Eigene Probleme teilen
  • Kontakt nach Entlassung
💡 Kristin handelt richtig, als sie zur Psychologin geht – das ist gelebte Professionalität. Fehler reflektieren ist Stärke, nicht Schwäche.

Krankheitsmodelle

Historische und aktuelle Modelle der Psychiatrie

🧬 Biologisches Modell

Psychische Störungen als körperliche Erkrankungen des Gehirns – Genetik, Neurotransmitter, Hirnstrukturen.

🛋️ Tiefenpsychologisches Modell

Unbewusste Konflikte, frühkindliche Erfahrungen und Beziehungsmuster prägen psychische Gesundheit (Freud, Jung).

📚 Behavioristisches Modell

Psychische Störungen als erlernte Verhaltensmuster – Konditionierung, Lerngeschichte, Verhaltenstherapie.

🌍 Gesellschaftskritisches Modell

Soziale Strukturen, Ungleichheit und gesellschaftliche Normen als Ursachen psychischer Erkrankungen.

⭐ Bio-psycho-soziales Modell (aktuell)

Integration aller Faktoren: biologisch + psychologisch + sozial. Heute Standard in Diagnostik und Therapieplanung.

💡 Praxisübung: Wenden Sie das biopsychosoziale Modell auf Jennys Angststörung an – was sind biologische, psychologische und soziale Faktoren?

Konzepte

Was ist der Unterschied?

🔑 Bezugspflege

Einer Pflegeperson wird eine feste Gruppe von Patient*innen zugeordnet. Sie ist verantwortlich für die Pflegeplanung und kontinuierliche Beziehungsgestaltung – auch wenn sie nicht täglich anwesend ist.

Verantwortung: Koordination, Planung, Advocacy

🏠 Primary Nursing

Weiterentwicklung der Bezugspflege: Eine Primary Nurse ist 24/7 verantwortlich für einen Patienten, auch über Schichtgrenzen hinweg. Associate Nurses übernehmen nach denselben Pflegeplänen.

Kernmerkmal: Dezentralisierung der Verantwortung

Praxisbeispiele

Primary Nursing in der psychiatrischen Pflege

  • Bezugspflegeperson führt das Aufnahmegespräch und begleitet die Entlassung – Kontinuität über den gesamten Aufenthalt
  • Bei Übergabe informiert die Primary Nurse die Associate Nurses gezielt über individuelle Pflegeziele (z.B. „Heute fokussieren wir auf Alltagstraining Hygiene")
  • Angehörigengespräche werden primär von der zugeordneten Bezugspflegeperson geführt
  • Krisenplan wird gemeinsam mit der Bezugspflegeperson entwickelt und dokumentiert
💡 Psychiatrischer Mehrwert: Die therapeutische Beziehung ist das wichtigste Instrument in der Psychiatriepflege – Bezugspflege maximiert ihre Wirksamkeit durch Kontinuität und Verlässlichkeit.

Implikationen

Was bedeutet das für Auszubildende?

Auszubildende sind keine Bezugspflegepersonen – aber sie unterstützen das System aktiv. Das Fallbeispiel Kristin & Jenny zeigt die Risiken, wenn Auszubildende unbewusst Bezugspflege-Funktionen übernehmen, ohne den institutionellen Rahmen zu beachten.

⚠️ Die enge Beziehung zwischen Kristin und Jenny entstand, weil sie sich wie eine Bezugspflegeperson verhielt – ohne Ausbildung, Supervision und institutionellen Auftrag. Das ist gefährlich für beide Seiten.

Grundlagen

Diagnose – Chancen und Grenzen

Eine Diagnose bedeutet die „zweifelsfreie Zuordnung von Symptomen zu einem Krankheitsbegriff" (Pschyrembel) – sie dient der Deskription, Fallidentifikation, Therapieindikation und Prognosestellung.

✅ Diagnose als Hilfe

  • Störungen erhalten Erklärung und „Entschuldigung"
  • Patient hat „Leidensgenossen"
  • Therapiemaßnahmen lassen sich ableiten
  • Hoffnung auf Besserung steigt

⚠️ Diagnose als Belastung

  • Negative Zukunftserwartungen
  • Stigmatisierung durch Diagnose-Etiketten
  • Patient fühlt sich „festgeschrieben"
  • Diagnosen können sich ändern → Verwirrung
💡 Merksatz: Eine Diagnose sagt nur sehr wenig über den Patienten als Person aus! Sie beschreibt Symptome – nicht den Menschen.

ICD-10

International Classification of Diseases

Das von der WHO herausgegebene und international gültige Klassifikationssystem. Kapitel F beschreibt psychiatrische Störungen.

CodeStörungsgruppe
F0Organische, einschließlich symptomatischer psychischer Störungen
F1Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen
F2Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen
F3Affektive Störungen (Depression, Manie, Bipolare Störung)
F4Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen (inkl. Angststörungen)
F5Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren
F6Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen
F7Intelligenzminderung
F8Entwicklungsstörungen
F9Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in Kindheit/Jugend

DSM-5

Diagnostic and Statistical Manual (USA)

Amerikanisches System der APA, international weit verbreitet. Detailliertere Beschreibungen als ICD. Wichtiger Unterschied: Schizophrenie-Symptome müssen laut DSM über 6 Monate vorhanden sein (ICD: 1 Monat).

„Störung" statt „Krankheit"Beide Systeme verwenden bewusst den Begriff „Störung" – er ist neutraler, nüchterner und wissenschaftlich exakter. Er benennt das sichtbare Symptom ohne Interpretation der Ursache.

ICF

International Classification of Functioning

WHO-Klassifikation von 2001 – erfasst Funktionsfähigkeit und Behinderung. Ergänzt ICD um Krankheitsfolgen. Besonders relevant für Rehabilitation und Pflege.

Teil 1: Funktionsfähigkeit

  • Körperfunktionen und -strukturen
  • Aktivitäten und Partizipation (Teilhabe)

Teil 2: Kontextfaktoren

  • Umweltfaktoren
  • Personenbezogene Faktoren
✅ Die ICF deckt Bereiche gut ab, die im Mittelpunkt des pflegerischen Interesses stehen: Krankheitsfolgen, Funktionseinschränkungen, Ressourcen, Alltagsleben.

OPD

Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik

Für Psychotherapie und Psychosomatik entwickelt – erfasst Beziehungsmuster, Konflikte und psychische Strukturen. Ergänzt ICD um psychodynamische Aspekte. OPD-2 auch als Instrument für Therapieplanung und Veränderungsmessung nutzbar.

BONUSWISSEN – Nicht prüfungsrelevant
Das HiTOP-Modell ist ein zukunftsweisendes Forschungsmodell, das in der Breite der klinischen Praxis noch nicht angewendet wird. ICD und DSM sind weiterhin die gültigen Standards für Diagnose, Abrechnung und Therapieplanung. Dieses Modul zeigt euch, wohin die Wissenschaft sich bewegt – als Blick über den Tellerrand.

Kontext

Warum brauchen wir überhaupt etwas Neues?

ICD und DSM sind die aktuellen Standards – aber sie haben bekannte Schwächen, die in der Forschung schon lange diskutiert werden:

⚠️ Probleme mit ICD / DSM

  • Hohe Komorbidität: Über 50 % aller psychiatrischen Patient*innen erfüllen die Kriterien von mehr als einer Diagnose gleichzeitig
  • Heterogenität: Zwei Menschen mit „Depression" können völlig unterschiedliche Symptome haben
  • Schwache Grenzen: Übergänge zwischen Störungen und zur Normalität sind fließend
  • Willkürliche Schwellenwerte: 5 von 9 Symptomen = krank; 4 von 9 = gesund?

💡 Der HiTOP-Ansatz

  • Statt Ja/Nein-Kategorien: Dimensionen (wie stark ausgeprägt?)
  • Statt starrer Kategorien: Kontinua (Spektren)
  • Statt Einzeldiagnosen: Profile über mehrere Dimensionen
  • Komorbidität als Überlappung, nicht als Problem
⚠️ Wichtig: HiTOP ersetzt ICD und DSM nicht – es ist ein ergänzendes Forschungsmodell. In der täglichen Pflege arbeitet ihr weiterhin mit ICD-Diagnosen.

Entwicklung & Geschichte

Wie entstand HiTOP?

1990er – Vorläufer

Faktorenanalysen zeigen: Psychische Störungen lassen sich auf wenige übergeordnete Dimensionen reduzieren. Forscher wie Krueger und Markon identifizieren „Internalizing" und „Externalizing" als robuste Superspektren.

2017 – Gründung des HiTOP-Konsortiums

Ein internationales Forschungskonsortium formiert sich. Ziel: ein empirisch fundiertes, hierarchisches Klassifikationssystem auf Basis von Faktorenanalysen, Zwillingsstudien und Biomarkern. Erste Publikation in Psychological Medicine.

2019–2022 – Ausbau & Validierung

Das Modell wird erweitert um Psychose-Spektrum, Detachment, Somatoform und Neurodevelopmental. Erste Messinstrumente entstehen (HiTOP-SR). Genetische Studien bestätigen die Spektrenstruktur.

2023 – HiTOP-SR veröffentlicht

Das offizielle Selbstbericht-Messinstrument (HiTOP Self-Report) wird für die Forschungspraxis freigegeben. Internationale Normierungsstudien laufen.

Heute – Forschungsphase

HiTOP befindet sich noch in der Forschungs- und Entwicklungsphase. Es gibt noch keine Abrechnungs-Codes, keine verbindlichen klinischen Leitlinien und keinen breiten Einsatz in der Routineversorgung.

👥 Wer steckt dahinter? Das HiTOP-Konsortium umfasst über 50 Forschende aus Klinischer Psychologie, Psychiatrie, Neurowissenschaften und Genetik – u.a. von der University of Minnesota, Harvard und europäischen Partnern.

Schlüsselbegriffe

Das HiTOP-Vokabular verstehen

HiTOP – Hierarchical Taxonomy of Psychopathology„Hierarchische Ordnung der Psychopathologie". Ein empirisch abgeleitetes, dimensionales Klassifikationssystem, das psychische Symptome in einer Hierarchie von allgemein bis spezifisch anordnet.
p-Faktor (general psychopathology)Der übergeordnete allgemeine Psychopathologie-Faktor – ähnlich dem g-Faktor der Intelligenz. Er repräsentiert die gemeinsame Varianz aller psychischen Störungen: ein hoher p-Wert bedeutet allgemein erhöhtes Risiko für viele Probleme.
SuperspektrenDie drei breitesten Domänen unterhalb des p-Faktors: Emotionale Dysfunktion, Psychose/Thought Disorder und Externalisierend. Sie erklären große Muster von Komorbidität.
SpektrenNächste Ebene: z.B. Internalisierend-Distress, Internalisierend-Furcht, Disinhibition, Antagonismus, Detachment, Somatoform, Thought Disorder, Neurodevelopmental.
Dimension / KontinuumStatt Ja/Nein-Kategorien werden Ausprägungen auf einer Skala gemessen – von unauffällig bis stark beeinträchtigt. Jeder Mensch hat einen Wert, nicht nur Kranke.
T-ScoreStandardisierter Wert (Mittelwert = 50, SD = 10). T>65 gilt als klinisch erhöht. T72 = 2,2 Standardabweichungen über dem Bevölkerungsmittel.
TransdiagnostischInterventionen, die nicht an eine spezifische Diagnose gebunden sind, sondern bei mehreren Störungsbildern wirken – z.B. kognitive Umstrukturierung bei Angst UND Depression UND Trauma.
InternalizingSuperspektrum für nach innen gerichtete Probleme: Angst, Depression, Trauma, somatische Symptome. Unterteilt in Distress (depressiv, grübelnd) und Fear (ängstlich, phobisch).
ExternalizingSuperspektrum für nach außen gerichtete Probleme: Impulsivität, Substanzmissbrauch, antisoziales Verhalten. Unterteilt in Disinhibition und Antagonism.
DetachmentSpektrum für sozialen Rückzug, Anhedonie, Affektverflachung und Vermeidung – entspricht teils Zügen aus Schizoider und Vermeidend-Selbstunsicherer Persönlichkeitsstörung.

Aufbau

Die HiTOP-Hierarchie von oben nach unten

p-Faktor · Allgemeine Psychopathologie
Ebene 1: Gemeinsame Varianz aller Störungen
Emotionale
Dysfunktion
Psychose /
Thought Disorder
Externali-
sierend
Ebene 2: Superspektren
Internalis. Distress Internalis. Furcht Somatoform Disinhibition Antagonismus Thought Disorder Detachment Neuroentwicklung
Ebene 3: Spektren
Subfaktoren Empirische Syndrome Symptomkomponenten
Ebenen 4–6: Je tiefer, desto spezifischer und näher am Einzelsymptom

Orientierung

Bekannte ICD-Diagnosen einordnen

📌 Internalisierend – Distress

Depression (F32/F33), Dysthymie, PTBS, Generalisierte Angststörung (F41.1)

📌 Internalisierend – Furcht

Panikstörung (F41.0), Agoraphobie (F40.0), Soziale Phobie (F40.1), Spezifische Phobien (F40.2)

📌 Externalizing – Disinhibition

Substanzmissbrauch (F10–F19), ADHS (F90), Störung des Sozialverhaltens (F91)

📌 Externalizing – Antagonismus

Antisoziale Persönlichkeitsstörung (F60.2), Dissoziale Störungen

📌 Thought Disorder / Psychose

Schizophrenie (F20), Schizoaffektive Störung (F25), Wahnhafte Störung (F22)

📌 Detachment

Schizoide PSt. (F60.1), Vermeidend-Selbstunsichere PSt. (F60.6)

💡 Diese Zuordnungen sind heuristisch – Faustregeln, keine offiziellen Übersetzungen. ICD-Diagnosen bleiben verbindlich für Abrechnung und Therapieplanung.

Aktueller Stand

Wo steht HiTOP heute – und warum noch kein Praxiseinsatz?

🔬 HiTOP ist ein Forschungsmodell. Es wird derzeit nicht in der klinischen Routineversorgung eingesetzt. ICD-11 und DSM-5-TR sind weiterhin die verbindlichen Klassifikationssysteme.

🚧 Noch nicht gelöst

  • Keine Abrechnungscodes
  • Keine verbindlichen klinischen Cut-offs
  • Messinstrumente noch in Normierungsphase
  • Provisorische Einordnung von Manie, Dissoziation
  • Hoher Schulungsaufwand für Kliniker

✅ Was bereits belegt ist

  • Spektren replizieren sich zuverlässig
  • Genetische Faktoren spiegeln Spektren wider
  • Bessere Prognose als ICD in Studien
  • Komorbidität wird elegant abgebildet
  • Wachsende Forschungsgemeinschaft
⭐ Fazit Bonuswissen

HiTOP zeigt, wohin sich die psychiatrische Diagnostik entwickeln könnte. Als Pflegefachkraft hilft euch dieses Wissen, aktuelle Forschungsliteratur besser zu verstehen und Komorbidität bei Patient*innen neu zu denken – auch wenn ihr im Alltag weiterhin mit ICD-Diagnosen arbeitet.

Anwendungsbeispiel

Dimensionale Fallformulierung: Herr M. (32 J., IT-Techniker)

Erschöpfung, Schlafstörungen, Alkoholkonsum, sozialer Rückzug. Trennung vor 6 Monaten, hoher Arbeitsdruck, kaum soziales Netz.

Distress (Internalizing)
T72 – stark erhöht
Detachment
T67 – erhöht
Disinhibition (Alkohol)
T63 – moderat erhöht
Psychose
T44 – unauffällig
💡 Vorteil: Statt drei separater Diagnosen zeigt das Profil ein kohärentes Bild – mit Überlappungen und Schwere auf einen Blick. Direkt transdiagnostische Interventionen ableitbar.
💡 Leitsymptome sind typische, zentrale Anzeichen einer psychischen Erkrankung, die besonders häufig auftreten und bei der schnellen Ersteinschätzung helfen. Krankenbeobachtung, Dokumentation und Informationsweitergabe aller Leitsymptome ist eine Kernaufgabe der Psychiatriepflege!
#LeitsymptomAusprägungen & Fachbegriffe
1BewusstseinsstörungenSomnolenz, Sopor, Koma; Bewusstseinstrübung, -einengung, -erweiterung (Dämmerzustände)
2Orientierungsstörungen4 Dimensionen: Zeit, Ort, Situation, Person; Desorientierung je Dimension möglich
3Antriebsstörungen & PsychomotorikGesteigerter/verminderter Antrieb, Antriebsverlust; Motorische Unruhe, Stereotypien, Katatonie, Mutismus, Echopraxie/Echolalie
4GedächtnisstörungenKurzzeitgedächtnis (Speicher-/Abrufstörung), Langzeitgedächtnis (Amnesie: retrograd/anterograd), Konfabulationen, Déjà-vu/Jamais-vu
5Aufmerksamkeits- & KonzentrationsstörungenAufmerksamkeit = Lenken der Wahrnehmung; Konzentration = Aufrechterhalten über Zeit; Ablenkbarkeit, Erschöpfung, Tunnelblick
6DenkstörungenGeschwindigkeit: Gedankenrasen/Verlangsamung; Ablauf: Gedankenabriss, Denkblockade; Inhalt: Wahn (Beziehungs-, Größen-, Schuld-, Vergiftungswahn), komplexe Wahnsysteme; Paralogisches Denken
7WahrnehmungsstörungenHalluzinationen: akustisch, visuell, olfaktorisch, gustatorisch, haptisch, zoenästhetisch; Illusion vs. Halluzination; Depersonalisation/Derealisation
8AffektstörungenAffektverflachung bis chronische Leere; inadäquater Affekt (Parathymie); Dysthymie; Euphorie/Dysphorie; Affektinkontinenz; Unterschied Affekt (kurz, intensiv) vs. Stimmung (anhaltend)
9Störungen des Ich-ErlebensGedankenausbreitung, Gedankenentzug, Gedankeneingebung; Störungen der Handlungskontrolle (Gefühl des Gemachten); Dissoziation (alltäglich vs. pathologisch/Traumafolge)
10Selbstverletzendes VerhaltenPhysisch (Schneiden, Verbrennen, Haare ausreißen…), Psychisch (Selbstabwertung, Schulden…), Sozial (Isolation, On-Off-Beziehungen…); Ursachen: Druckabbau, Selbstbestrafung, Lustgewinn, Aufmerksamkeit

Vertiefung: Halluzinationen

7. Wahrnehmungsstörungen – Formen im Detail

👁️ Visuell/optisch

Schatten, Personen, Tiere – Sehen von Dingen, die nicht vorhanden sind

👂 Akustisch/auditiv

Kommentierend, dialogisierend, imperativ (Anweisungen). „Stimmen, die über mich sprechen"

👃 Olfaktorisch

Brand- oder Gasgeruch ohne Quelle – oft mit Vergiftungswahn verbunden

👅 Gustatorisch

Bitterer oder metallischer Geschmack ohne Ursache

✋ Haptisch

Tiere/Insekten auf der Haut; zoenästhetisch: innere Organe verwandeln sich (Leibeshalluzination)

≠ Illusion

Fehlwahrnehmung eines tatsächlich vorhandenen Reizes – das passiert jedem normalen Menschen!

Vertiefung: Denkstörungen

6. Komplexes Wahnsystem – Beispiel

Überzeugung: Person ist fest überzeugt, dass der BND sie als gefährliche Staatsfeindin verfolgt.

Wahnwahrnehmung: Grüßt ein Nachbar sie im Flur, ist das ein Kontrollzeichen eines verdeckten Ermittlers.

Systematische Verknüpfung: Knistern in der Telefonleitung = Beweis für Abhörung. „Der Geheimdienst kann meine Gedanken lesen" (Gedankenausbreitung).

Unkorrigierbarkeit: Ein Gegenargument wird als weiterer Beweis für die Verschwörung interpretiert – der Freund wurde „auf ihre Seite gezogen".
⚠️ Wahnüberzeugungen sind für die Betroffenen absolut real. Direktes Widerlegen ist kontraproduktiv und zerstört die therapeutische Beziehung. Stattdessen: empathisch bleiben, Sicherheit geben, keine Bestätigung aber auch keine frontale Konfrontation.

Vertiefung: Selbstverletzendes Verhalten

10. Formen und Ursachen

Physisch

  • Schneiden, Ritzen
  • Schlagen, Kratzen
  • Beißen, Zwicken
  • Verbrennen, Vereisen
  • Exzessiver Sport
  • Haare ausreißen
  • Verätzungen

Psychisch

  • Selbstabwertung
  • Schulden machen
  • Hungern
  • Submission
  • Hypersexualität
  • Substanzmissbrauch

Sozial

  • Isolation
  • On-Off-Beziehungen
  • Konflikte/Opferrolle
  • Soziale Medien (exzessiv)
Ursachen selbstverletzenden VerhaltensDruckabbau (z.B. bei Dissoziation), Selbstbestrafung, Lustgewinn, Aufmerksamkeit. Häufig bei Borderline-Persönlichkeitsstörung, Depression, Traumafolgestörungen.

NANDA-Pflegediagnosen

Relevante Pflegediagnosen zu den Leitsymptomen

LeitsymptomNANDA-PflegediagnoseKennzeichen (Auswahl)
WahrnehmungsstörungenGestörte Sinneswahrnehmung (00122)Halluzinationen, veränderte Reaktion auf Reize, Desorganisation
Denkstörungen / WahnGestörte Denkprozesse (00130)Wahnideen, nicht realitätsbezogenes Denken, Gedankenflucht
AntriebsstörungenErschöpfung (00093) / Aktivitätsintoleranz (00092)Antriebslosigkeit, verminderte Belastbarkeit, Rückzug
AffektstörungenHoffnungslosigkeit (00124) / Chronisches Selbstwertdefizit (00119)Niedergeschlagenheit, negative Selbstaussagen, sozialer Rückzug
Selbstverletzendes VerhaltenSelbstverstümmelungsgefahr (00139)Narben, Aussagen über Selbstverletzung, impulsives Verhalten
SuizidalitätSuizidgefahr (00150)Äußerungen von Suizidabsichten, Hoffnungslosigkeit, Vorbereitungshandlungen
OrientierungsstörungenAkute Verwirrtheit (00128)Desorientierung zu Zeit/Ort/Person, wechselndes Bewusstsein
Ich-Erleben gestörtPersönliche Identitätsstörung (00121)Unsicheres Selbstbild, Depersonalisation, Ich-Auflösung
Soziale IsolationSoziale Isolation (00053)Rückzug, fehlende soziale Kontakte, Einsamkeitsgefühl
AngstAngst (00146)Innere Unruhe, vegetative Zeichen, Panikattacken, Vermeidung
💡 Struktur einer NANDA-Pflegediagnose: Problem (P) + Ätiologie/Ursache (Ä) + Symptome/Kennzeichen (S) = PÄS-Format. Pflegediagnosen sind von medizinischen Diagnosen klar zu trennen – sie beschreiben die pflegerische Einschätzung und begründen eigenständige Pflegeinterventionen.

ICD-10 Kriterien

Diagnostische Leitlinien F20.0–F20.3

Mindestens ein Symptom aus Gruppe 1 ODER mindestens zwei aus Gruppe 2 über mindestens einen Monat:

Gruppe 1 (je 1 Symptom reicht)

  • Gedankenlautwerden, -eingebung, -entzug, -ausbreitung
  • Kontrollwahn, Beeinflussungswahn
  • Kommentierende/dialogisierende Stimmen
  • Anhaltender kulturell unangemessener Wahn

Gruppe 2 (mind. 2 nötig)

  • Anhaltende Halluzinationen jeder Sinnesmodalität
  • Neologismen, Gedankenabreißen, Danebenreden
  • Katatone Symptome
  • Negativsymptome: Apathie, Sprachverarmung, inadäquate Affekte

Erleben

Daniel Smiths Bericht – Symptome zuordnen

➕ Positivsymptome

  • Akustische Halluzinationen (Stimmen, Geräusche)
  • Wahnideen (Menschen in Blitzgeräten)
  • Gedankendesorganisation
  • Agitation (Sanitäter angreifen)

➖ Negativsymptome

  • Sozialer Rückzug (kein Pub, kein Fußball)
  • Anhedonie (nichts macht Freude)
  • Antriebsarmut
  • Spracharmut in Gesprächen
💬 „Kartoffelpüree wird für mich nie wieder selbstverständlich sein." – Daniel Smith beschreibt den Moment, als durch Medikamente wieder Freude möglich wurde.

Pflege

Pflegerische Interventionen bei Psychose

  • Ruhige, reizarme Umgebung schaffen
  • Verlässliche Beziehung – Bezugspflegeperson nicht wechseln
  • Realitätsprüfung behutsam, ohne frontale Konfrontation
  • Medikamentencompliance beobachten (unter Aufsicht, teils unter Zwang – Dokumentation!)
  • Frühwarnsymptome gemeinsam identifizieren → Krisenplan
  • Tagesstruktur aufbauen und stärken
  • Angehörige einbeziehen (nur mit Einverständnis)
Prognose: Bei früher Erkennung und Behandlung sind sehr gute Prognosen möglich. Daniel arbeitet heute wieder, spielt Fußball und hat soziale Kontakte.

NANDA-Pflegediagnosen

Schizophrenie & Psychose

🔴 Priorität 1 – Sicherheit

  • Suizidgefahr (00150)
    Ätiologie: Hoffnungslosigkeit, Stimmenkommando; Kennz.: Äußerungen, Rückzug, Handlungen
  • Fremdgefährdung (00138)
    Ätiologie: Wahnerleben, Impulskontrollstörung; Kennz.: verbale/physische Aggressivität

🟡 Priorität 2 – Wahrnehmung & Denken

  • Gestörte Sinneswahrnehmung (00122)
    Ätiologie: neurobiologische Veränderungen; Kennz.: Halluzinationen, verzerrte Realität
  • Gestörte Denkprozesse (00130)
    Ätiologie: psychotische Episode; Kennz.: Wahn, Denkzerfahrenheit, Neologismen

🟢 Priorität 3 – Alltagsfunktion

  • Selbstpflegedefizit (00108)
    Ätiologie: Antriebsarmut, Negativsymptomatik; Kennz.: vernachlässigte Hygiene, Erscheinungsbild
  • Soziale Isolation (00053)
    Ätiologie: Stigma, Misstrauen; Kennz.: Rückzug, fehlende Sozialkontakte

🔵 Priorität 4 – Ressourcen

  • Unwirksames Therapiemanagement (00078)
    Ätiologie: mangelnde Krankheitseinsicht; Kennz.: Medikamentenablehnung, Abbruch
  • Hoffnungslosigkeit (00124)
    Ätiologie: chronischer Verlauf; Kennz.: passive Haltung, negative Zukunftssicht
📋 Beispiel PÄS-Format: „Gestörte Sinneswahrnehmung (P) im Zusammenhang mit neurobiologischen Veränderungen bei akuter Psychose (Ä), erkennbar an berichteten akustischen Halluzinationen und der Überzeugung, verfolgt zu werden (S)."

ICD-10

Angststörungen nach F40–F41

Panikstörung F41.0Generalisierte Angststörung F41.1Agoraphobie F40.0Soziale Phobie F40.1Spezifische Phobien F40.2

Fallbeispiel Jenny

Phänomenologie der Panikattacke

„Ein plötzliches Herzrasen, das sich anfühlte, als würde ihr Herz aus der Brust springen, gefolgt von einer erdrückenden Enge in der Brust. Ihre Hände zitterten, ihr wurde schwindelig, ein Gefühl der Übelkeit machte sich breit. Oft hatte sie das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren oder ohnmächtig zu werden. »Es ist, als würde ich sterben.«"

Körperliche Symptome

  • Herzrasen, Palpitationen
  • Atemnot, Hyperventilation
  • Schwindel, Ohnmachtsgefühl
  • Kribbeln, Taubheit
  • Zittern, Schwitzen, Übelkeit

Kognitive Symptome

  • Angst zu sterben
  • Kontrollverlustangst
  • Derealisation/Depersonalisation
  • Katastrophisierendes Denken
  • Vermeidungsverhalten
Teufelskreis der PanikKörpersymptom → Katastrophisierende Interpretation → Angst steigt → Symptome verstärken sich → Hyperventilation → Vermeidung → nächste Panikattacke wahrscheinlicher

Therapie

Was Jenny geholfen hat

  • KVT: Ängste hinterfragen, kognitive Umstrukturierung
  • Exposition: Konfrontation mit angstauslösenden Situationen
  • Tagebuch: Gedanken/Gefühle festhalten, Muster erkennen
  • Atemübungen: In akuten Situationen Ruhe bewahren
  • Bedarfsmedikation (Lorazepam/Tavor): Kurzfristig in akuten Situationen
  • Gruppentherapie: Soziale Unterstützung, Normalisierung
  • Tagesstruktur: Stabilisierung, Kontrollgefühl
⚠️ Jenny hatte anfangs Angst, von Lorazepam abhängig zu werden – Psychoedukation ist essenziell: Wirkweise erklären, Unterschied Abhängigkeit vs. sinnvoller Einsatz.

Pflegerische Interventionen

Akut und langfristig

Akut (während der Attacke):

  1. Ruhige Präsenz – bei der Person bleiben
  2. Klare, ruhige Stimme: „Sie sind sicher"
  3. Atemübung anleiten (4-7-8 oder Box-Atmung)
  4. 5-4-3-2-1-Technik (Sinneswahrnehmungen)
  5. Beengende Kleidung lockern, Frischluft
  6. Bedarfsmedikation nach AO

Langfristig:

  1. Auslöser gemeinsam identifizieren
  2. Krisenplan entwickeln
  3. Ressourcen stärken, Selbstwirksamkeit fördern
  4. Vermeidungsverhalten nicht bestätigen
  5. Entlassungsplanung: Anschlusshilfen sichern

NANDA-Pflegediagnosen

Angststörungen & Panikattacken

🔴 Akute Panik

  • Angst (00146)
    Ätiologie: antizipatorische Angst, Teufelskreis; Kennz.: Herzrasen, Atemnot, Todesangst, Zittern
  • Ineffektives Atemmuster (00032)
    Ätiologie: Hyperventilation bei Panik; Kennz.: flache Atmung, Schwindel, Kribbeln

🟡 Erleben & Kognition

  • Unwirksame Bewältigungsstrategien (00069)
    Ätiologie: gelernte Hilflosigkeit; Kennz.: Vermeidungsverhalten, sozialer Rückzug, Passivität
  • Machtlosigkeit (00125)
    Ätiologie: Kontrollverlusterfahrung; Kennz.: Passivität, Abhängigkeitserleben

🟢 Soziales & Alltag

  • Soziale Isolation (00053)
    Ätiologie: Vermeidung von Auslösern; Kennz.: Rückzug aus Arbeit, Freizeitaktivitäten
  • Rollenüberlastung (00004)
    Ätiologie: krankheitsbedingte Einschränkungen; Kennz.: Abwesenheit, Funktionsverlust

🔵 Jennnys Fall – konkret

  • Angst (00146) bezogen auf Entlassungssituation und Rückkehr in den Alltag
  • Unwirksame Bewältigungsstrategien (00069) bezogen auf Vermeidungsverhalten im Beruf
  • Wissensdefizit (00126) bezogen auf Umgang mit Panikattacken
💡 Jennys Fall: Die Pflegediagnose „Angst (00146)" bei Jenny wäre zu formulieren als: Angst (P) im Zusammenhang mit antizipatorischer Angst vor Panikattacken in sozialen Situationen (Ä), erkennbar an berichteten körperlichen Symptomen (Herzrasen, Atemnot), Rückzug aus dem Beruf und der Bitte, den anderen Mitarbeitern nichts zu sagen (S).
Frage 1 von 16 · Aufnahme
Was kann ein „Klinikschock" bei der Aufnahme auf einer psychiatrischen Station im schlimmsten Fall auslösen?
Frage 2 von 16 · Krankenbeobachtung
Was sollte bei der Dokumentation psychiatrischer Beobachtungen stets getrennt werden?
Frage 3 von 16 · 1:1-Betreuung
Was ist das Ziel einer 1:1-Betreuung in der psychiatrischen Pflege?
Frage 4 von 16 · Beziehungsgestaltung
Wie soll man mit Wahninhalten in Gesprächen umgehen?
Frage 5 von 16 · Krankheitsmodelle
Welches Krankheitsmodell ist heute der Standard in Diagnostik und Therapieplanung?
Frage 6 von 16 · ICD-10
Unter welchem ICD-10-Kapitel werden Angststörungen klassifiziert?
Frage 7 von 16 · Leitsymptome
Was versteht man unter „Katatonie" (Leitsymptom 3)?
Frage 8 von 16 · Halluzinationen
Was ist der Unterschied zwischen einer Halluzination und einer Illusion?
Frage 9 von 16 · Denkstörungen
Was kennzeichnet ein „komplexes Wahnsystem"?
Frage 10 von 16 · Selbstverletzendes Verhalten
Welche der folgenden Formen zählt zum psychisch-selbstverletzenden Verhalten?
Frage 11 von 16 · Affektstörungen
Warum steigt statistisch gesehen die Suizidgefahr nach Einnahme von Antidepressiva manchmal an?
Frage 12 von 16 · Bezugspflege
Was ist das Kernmerkmal von Primary Nursing im Vergleich zur klassischen Bezugspflege?
Frage 13 von 16 · Beziehungsgestaltung Ethik
Kristin tauscht mit Jenny nach Entlassung Nummern und schreibt privat. Was ist das Hauptproblem?
Frage 14 von 16 · HiTOP
Was steht an der Spitze der HiTOP-Hierarchie?
Frage 15 von 16 · ICF
Welche zwei Hauptteile hat die ICF-Klassifikation?
Frage 16 von 16 · Dissoziation
Was unterscheidet pathologische von alltäglicher Dissoziation?
👩

Jennys neue Freundin

Handlungssituation · LS 11.1.1 · Grundlagen psychiatrischer Pflege

Die Auszubildende Kristin hat montags ihren ersten Einsatz auf einer psychiatrischen Station. Schon bei der Ankunft in diesem Bereich fällt ihr die andere Umgebung auf. Die Station wirkt wohnlicher und „weniger medizinisch" als die anderen Stationen ihres Krankenhauses. Die Kollegen haben Alltagskleidung an und sind nur durch ein Namensschild auf dieser als Mitarbeiter erkennbar. Auch die Patienten haben Alltagskleidung an. Eine junge Frau grüßt Sie freundlich. Kristin ist sich nicht sicher, ob diese auch eine Mitarbeiterin ist, die kein Namensschild hat oder doch eine Patientin.

In der Übergabe erfährt Kristin, dass die junge Frau Jenny heißt und Ende der Woche entlassen wird. Sie sei bereits 3 Wochen auf Station und jetzt wieder bereit, nach Hause zu gehen. Jenny ist 24 Jahre alt, war wegen Angst- und Panikzuständen in die stationäre Behandlung gekommen. Kristin findet Jenny schnell sympathisch und unterhält sich oft mit ihr. Das beide nahezu das gleiche Alter haben wirkt sich hier deutlich aus.

Am Mittwoch stellt Kristin fest, dass Jenny ängstlicher und zurückgezogener wirkt. Als sie Jenny darauf anspricht, berichtet diese, dass sie sich Sorgen macht, ob zuhause alles gut läuft. Sie habe Angst, wieder in Panikattacken zu geraten und traue sich nicht immer zu, mit diesen umgehen zu können. Sie bittet Kristin aber darum, den anderen Mitarbeitern nichts davon zu sagen, da sie nicht als schwach dastehen möchte und sich alle ja so gut um sie gekümmert hätten. Außerdem müsse es ja eh irgendwann wieder allein gehen.

Als Jenny dann freitags nach Hause entlassen wird, fragt sie die Auszubildende Kristin, ob sie ihre Nummern tauschen wollen. Die anderen Mitarbeiter sollen aber davon nichts wissen. Kristin habe ihr so gut geholfen, daher würde sie sich freuen, weiter in Kontakt mit ihr zu bleiben. Das könnte ihr sicherlich auch helfen, besser mit den Panikattacken umzugehen. Da Kristin sich gut mit ihr verstanden hat, willigt sie ein und beide tauschen ihre Kontaktdaten aus. Noch nachmittags erhält die Auszubildende Kristin von Jenny eine Nachricht, in der sich Jenny nochmal für die Hilfe bedankt. Beide schreiben am Wochenende recht viel miteinander und tauschen sich auch über Kristins Beziehung aus, in der es aktuell einige Probleme gibt.

Am Montag ist Kristin wieder auf der psychiatrischen Station. Es ist ihr aufgefallen, dass sie Jenny eigentlich mehr erzählt hat als sie wollte. Daher wendet sie sich an die Psychologin der Station und bittet um ein persönliches Gespräch, in der sie dieser von der Situation berichtet.

→ Zur Fallarbeit: 📝 Fall Jenny 1 – Leitsymptome & Pflege 📝 Fall Jenny 2 – Beziehungsethik
📖

Jennys Weg: Vom Anfang bis zur Entlassung

Fallerweiterung · LS 11.1.1 · Hintergrundinformationen

Als Jenny vor drei Wochen in die psychiatrische Station kam, war sie ein Schatten ihrer selbst. Angst- und Panikattacken hatten ihr Leben fest im Griff. Immer wieder beschrieb sie, wie diese Zustände sie aus dem Nichts überfielen: Ein plötzliches Herzrasen, das sich anfühlte, als würde ihr Herz aus der Brust springen, gefolgt von einer erdrückenden Enge in der Brust, die sie kaum atmen ließ. Ihre Hände zitterten, ihr wurde schwindelig, und ein Gefühl der Übelkeit machte sich breit. Oft hatte sie das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren oder sogar ohnmächtig zu werden.

„Es ist, als würde ich sterben", sagte sie in einem der ersten Gespräche auf der Station.

Diese Attacken wurden durch ihren stressigen Berufsalltag als Verkäuferin noch verstärkt. Jenny liebte eigentlich ihren Job und den Kontakt mit Kunden, doch in den letzten Monaten wurde die Arbeit zunehmend zur Belastung. Die ständige Angst, eine Panikattacke zu bekommen, lähmte sie. Oft stand sie an der Kasse, die Schlange wurde länger, und sie konnte spüren, wie sich die Panik langsam aufbaute. Es fühlte sich an, als würde der Boden unter ihren Füßen verschwinden. Häufig musste sie sich dann unter einem Vorwand in den Pausenraum zurückziehen, um sich zu beruhigen. Doch diese „Strategie" half nur bedingt. Ihre Kolleginnen waren zwar verständnisvoll, doch die Schuldgefühle und der Druck wuchsen weiter.

Schließlich wurde der Druck so groß, dass Jenny sich krankmeldete. Zu diesem Zeitpunkt wusste sie, dass sie alleine nicht mehr klarkommen würde. Der Weg in die Klinik war ein verzweifelter, aber notwendiger Schritt.

Maßnahmen und Therapie

Die ersten Tage auf der Station waren schwierig. Jenny fühlte sich fremd in dieser neuen Umgebung. Die wohnliche Atmosphäre der Station, die sich deutlich von den sterilen Gängen eines normalen Krankenhauses unterschied, konnte ihr anfänglich nur wenig Trost spenden. Doch mit der Zeit fand sie Gefallen an der Ruhe und dem strukturierten Tagesablauf. Die Alltagskleidung, die sowohl Patienten als auch Mitarbeiter trugen, trug dazu bei, dass sie sich weniger wie eine „Patientin" fühlte und mehr wie ein Mensch, der auf dem Weg der Besserung war.

Ein wichtiger Bestandteil von Jennys Therapie war die Bedarfsmedikation mit Tavor (Lorazepam). Diese wurde ihr zu Beginn der Behandlung verschrieben, um in besonders akuten Situationen schnelle Linderung zu schaffen. Die erste Einnahme fiel ihr schwer – Jenny hatte Angst, davon „abhängig" zu werden. Doch als sie in einer Gruppensitzung eine beginnende Panikattacke verspürte und die Tablette nahm, war sie erstaunt, wie schnell sich ihre Symptome beruhigten. Die Sicherheit zu wissen, dass sie im Notfall eine Unterstützung hatte, gab ihr etwas mehr Kontrolle zurück.

Neben der medikamentösen Unterstützung umfasste Jennys Therapie vor allem kognitive Verhaltenstherapie (KVT) und regelmäßige Gruppensitzungen. Hier lernte sie, ihre Ängste zu hinterfragen und sich nicht von ihnen beherrschen zu lassen. In den Einzelgesprächen mit der Psychologin arbeitete sie an Strategien, um Panikattacken zu bewältigen. Sie begann, ein Tagebuch zu führen, in dem sie ihre Gedanken und Gefühle festhielt, um Muster zu erkennen und ihre Fortschritte zu sehen. Außerdem wurden ihr Atemübungen beigebracht, die ihr helfen sollten, in akuten Situationen Ruhe zu bewahren.

Die Begegnung mit Kristin

In ihrer dritten Woche auf der Station kam die Auszubildende Kristin zum ersten Mal auf die psychiatrische Station. Kristin war zunächst unsicher, da die Atmosphäre so anders war als in anderen Krankenhausbereichen, doch schnell fühlte sie sich wohl. Besonders die Begegnung mit Jenny blieb ihr im Gedächtnis. Die beiden verstanden sich auf Anhieb, was sicherlich auch daran lag, dass sie im gleichen Alter waren.

Jenny fühlte sich zu Kristin hingezogen – nicht nur, weil diese ein freundliches und offenes Wesen hatte, sondern auch, weil sie jemanden in ihrem Alter auf der Station als Bezugsperson empfand. Die beiden unterhielten sich oft, und Jenny begann, Kristin von ihren Sorgen zu erzählen. Kristin hörte geduldig zu und gab ihr das Gefühl, verstanden zu werden.

Der Wendepunkt

Am Mittwoch, nur wenige Tage vor ihrer geplanten Entlassung, bemerkte Kristin, dass Jenny stiller und zurückgezogener war als sonst. Auf Nachfragen vertraute Jenny ihr an, dass sie Angst vor der Rückkehr nach Hause hatte. Sie befürchtete, die Panikattacken könnten zurückkommen und sie würde wieder allein damit dastehen. Dennoch bat sie Kristin, niemandem davon zu erzählen, da sie nicht als schwach gelten wollte. Kristin versprach ihr, nichts weiterzusagen, versuchte aber, Jenny zu ermutigen, ihre Sorgen mit dem Team zu teilen.

Die Entlassung und der Kontakt danach

Am Freitag wurde Jenny schließlich entlassen. Sie wirkte nervös, aber entschlossen. Kurz vor ihrer Abreise bat sie Kristin darum, ihre Kontaktdaten auszutauschen. Jenny erklärte, dass Kristin ihr so gut geholfen habe und sie sich sicher sei, dass der Kontakt ihr weiterhin helfen könnte. Kristin, die Jenny ins Herz geschlossen hatte, willigte ein.

→ Zur Fallarbeit: 📝 Fall Jenny 1 – Leitsymptome & Pflege 📝 Fall Jenny 2 – Beziehungsethik
🧠

So fühlt sich akute Schizophrenie an

Erfahrungsbericht von Daniel Smith · November 2014 · Originaltext (gekürzt)

Vor etwa einem Jahr fing es an. Ich erkannte mich selbst nicht mehr wieder.

Meine Schlafgewohnheiten veränderten sich zuerst. Über einen Zeitraum von zwei Wochen fiel es mir zunehmend schwerer einzuschlafen. Für mich als 24-jährigen jungen Mann mit ordentlichem Hasch-Vorrat war das bisher kein Problem gewesen. Es war merkwürdig. Ich legte mich nachts hin und war einfach nicht in der Lage, mein Gedankenkarussell anzuhalten. Meine Gedanken waren wie Ranken, sie wuchsen übereinander und verhedderten sich ineinander, wie eine große Wand mit Efeu. In manchen Nächten zog ich mir die Decke über den Kopf, vergrub mein Gesicht in meinen Händen und flüsterte: „Haltet. Die. Klappe."

Irgendwann konnte ich schließlich einschlafen, doch nach dem Aufwachen fühlte ich mich seltsam. Als ob ich vergessen hatte, etwas zu tun oder jemandem etwas zu sagen. Ich hatte auch nicht so viel Hunger wie sonst. Trotzdem machte ich weiter wie bisher. Ich dachte mir, ich müsste bloß für eine Weile mit dem Hasch aufhören. Ich machte mir keine Sorgen.

Ich ging weiter zur Arbeit (bei einem Weinhändler) und versuchte, die nächtlichen Episoden zu verdrängen. Erst jetzt, im Nachhinein, erkenne ich, dass ich damals schon Schwierigkeiten mit den einfachsten Gesprächen hatte. Wenn mein Chef mir auftrug, eine Lieferung zu überprüfen, dauerte es immer ein paar Sekunden, bis ich verarbeitet hatte, was er zu mir gesagt hatte. Es war, als würden zwei oder drei Menschen gleichzeitig sprechen. Morgens die Lieferscheine zu betrachten und daraus schlau zu werden, war wie der Versuch, einen Baum im Nebel auszumachen: nicht unmöglich, aber schwierig.

Ich nahm alles wie durch einen Nebel wahr. Mir kam es dauernd so vor, als würden Sachen gleich umfallen – ich schaute z. B. auf ein Regal und hatte den Eindruck, dass eine oder zwei Flaschen gleich umkippen würden. Ich schaute weg und wieder hin und alles war in Ordnung. Es kam mir auch dauernd so vor, als ob das Telefon klingeln würde, obwohl wir gar kein Telefon im Warenlager hatten. Wenn jemand fragte, ob es mir gut ging, antwortete ich einfach, dass ich in letzter Zeit schlecht schlief.

Von dieser anfänglichen Schlaflosigkeit an dauerte es noch etwa zwei Monate, bis mir der Gedanke kam, dass etwas definitiv nicht mit mir stimmte. Die nächtlichen Gedankenkraken, wie ich sie irgendwann nannte, wurden immer bizarrer. Wenn der Fernseher lief, konnte ich manchmal nicht mehr zwischen den Geräuschen unterscheiden, die aus dem Fernseher kamen, und denen, die ich in meinem Kopf hörte. Es war beängstigend.

Eines Nachts, als ich mir gerade Homeland anschaute, hatte ich eine Panikattacke. In jener Nacht fing ich an, vor Kälte zu zittern, obwohl meine Haut glühte. Meine Beine zitterten unter der Bettdecke, während sich eine Kakofonie in meinem Kopf ausbreitete. Es war, als würde sich eine Gruppe von Menschen neben meinem Kopfkissen unterhalten. Nichts Dramatisches, nur eine stete, verwirrende Geräuschkulisse. Im Schein des flackernden Fernsehbildes verlor ich langsam den Verstand.

Ich schlief die ganze Nacht nicht und fühlte mich wie gelähmt. Meine Schlafzimmertür war zur Grenze meiner Welt geworden. Ich war wirklich fest davon überzeugt, dass meine Eingeweide rausfallen würden, wenn ich mein Zimmer verließe. Das war nicht mehr ich, der zu große Angst davor hatte, ins Badezimmer zu gehen, und sich deshalb entschied, in ein Glas zu pinkeln. Das war nicht ich, der sich die Spitze eines Teppichmessers in die Ferse rammte, in dem Versuch, der Verzweiflung ein Ende zu setzen.

„Ich will zu meiner Mama."

Glücklicherweise war sie nur ein Stockwerk entfernt. Ich rief meine Mutter an. Sie rang nach Luft, als sie mein Zimmer betrat – ich hatte alle meine Fernbedienungen zerlegt, sodass meine Matratze übersät war mit kleinen Leiterplatten, Urin und Blut. Ich saß in meiner Hose da, weinte und erzählte meiner Mutter, dass jemand von mir Besitz ergriffen hätte. Sie rief einen Krankenwagen.

Als der Krankenwagen ankam, dachte ich anscheinend, dass die Sanitäter Fotos von mir machten. Ich wurde wütend und versuchte, sie zu boxen. Ich schrie, es sei gegen das Gesetz, Fotos von mir zu machen, und dass ich Rechte hätte. Von der Fahrt im Krankenwagen weiß ich nur noch, dass meine Mutter meine Beine festhalten musste. Ich hätte geschrien, dass ich nicht auf die Autobahn will, weil sich Menschen in den Blitzgeräten verstecken.

Die Diagnose und der Weg zurück

Das, was ich euch oben beschrieben habe, wird als psychotischer Schub bezeichnet. Es ist beispielhaft für akute Schizophrenie, die Krankheit, die bei mir diagnostiziert wurde. Psychose wird definiert als Verlust des Wirklichkeitsbezugs. Ich kam für anderthalb Wochen ins Krankenhaus und wurde sofort auf antipsychotische Medikamente gesetzt. Aus dieser Zeit weiß ich nur noch, dass mir häufig übel war und ich es anstrengend fand, mit anderen Menschen zu sprechen.

Ich erinnere mich an den Tag, an dem ich meinen Weg zurück in die Realität fand, als die neuen Medikamente anfingen zu wirken. Mein Bruder besuchte mich zusammen mit meiner Mutter. Wir schauten uns drei Folgen Breaking Bad an. Ich lachte über etwas, das Saul gesagt hatte, und hatte den Eindruck, dass es bergauf gehen könnte.

„Kartoffelpüree wird für mich nie wieder selbstverständlich sein."

Der Weg zu meiner Genesung war steinig. Das Personal in der Psychiatrie war super. Nachdem ich nach Hause entlassen worden war, besuchte mich einmal die Woche ein Sozialarbeiter. Ambulante Therapiesitzungen mit einem ziemlich geradlinigen Mann namens Gregg halfen mir zu begreifen, was mit mir geschehen war. Er brachte mir Techniken bei, mit deren Hilfe ich die Panik unter Kontrolle bekommen konnte. Er brachte mir bei, nicht ständig Angst vor einem Rückfall zu haben.

Inzwischen ist ein Jahr vergangen, ohne dass ich einen Rückfall erlitten hätte. Ich werde weiterhin meine Medikamente nehmen müssen, aber das ist schon in Ordnung. Ich arbeite wieder, komme unter Leute, halte mich fit und spiele Fußball.

Ich wollte diese Geschichte niederschreiben, weil die Diagnose Schizophrenie, bevor ich selbst erkrankte, für mich einem Todesurteil gleichkam. Das hat aber nichts mit der Wirklichkeit zu tun, vorausgesetzt Schizophrenie wird früh erkannt und richtig behandelt. Wenn du das Gefühl hast, dass du von der Rolle bist, dann sprich mit deinem Arzt.

„Wenn es um eure geistige Gesundheit geht, dann darf Scham keine Rolle spielen."

*Alle Namen wurden geändert.

→ Zur Fallarbeit: 📝 Fall Daniel – Leitsymptome & ICD-10

📊 Deine bewerteten Aufgaben:

😰

Fall Jenny – Leitsymptome & Pflege

Angststörung · Stationäre Aufnahme · Entlassung

📚 Handlungssituation lesen 📖 Fallerweiterung lesen

📝 Aufgabe 1a: Beschreiben Sie Jennys Leitsymptome mit Fachbegriffen und ordnen Sie diese den 10 Leitsymptomen zu. Welchem ICD-10-Kapitel wäre ihre Erkrankung zuzuordnen?

📝 Aufgabe 1b: Formulieren Sie zwei pflegerische Maßnahmen – eine für die Akutphase und eine für die längerfristige Begleitung. Begründen Sie fachlich.

🎓 Bewertung

🤝

Fall Kristin & Jenny – Professionelle Grenzen

Beziehungsethik · Schweigepflicht · Supervision

📚 Handlungssituation lesen 📖 Fallerweiterung lesen

📝 Aufgabe 2a: Analysieren Sie ethisch-professionell: Welche Fehler hat Kristin gemacht, und warum handelt sie trotzdem richtig, indem sie zur Psychologin geht?

📝 Aufgabe 2b: Wie hätte Kristin am Mittwoch (Bitte um Schweigen) professionell reagieren sollen? Formulieren Sie einen konkreten Gesprächseinstieg.

🎓 Bewertung

🌀

Fall Daniel – Schizophrenie Leitsymptome

Psychose · Symptomzuordnung · ICD-10

🧠 Erfahrungsbericht vollständig lesen

📝 Aufgabe 3a: Markieren Sie im Fallbericht alle Symptome und ordnen Sie diese den 10 Leitsymptomen mit Fachbegriffen zu (z.B. „akustische Halluzinationen" → Leitsymptom 7).

📝 Aufgabe 3b: Welche ICD-10-Kriterien für Schizophrenie (F20) erfüllt Daniel? Begründen Sie, welche Gruppe 1- bzw. Gruppe 2-Symptome vorliegen.

🎓 Bewertung

0 von 28 erledigt

🔧 Allgemeine Pflegevorbereitung

Dienstübergabe vollständig erhalten (inkl. Diagnosen, Medikation, Risiken)
Eigene Haltung reflektiert (Neutralität, Empathie, professioneller Abstand)
Materialien griffbereit (Dokumentation, Notrufsystem, Handy/DECT)
Raum- und Umgebungssicherheit überprüft

🤝 Kontaktaufnahme & Beziehungsarbeit

Begrüßung und Vorstellung mit dem Patienten
Transparente Information über Betreuungsrahmen (1:1-Situation erklärt)
Aktuelle Befindlichkeit erfragt (verbal + nonverbal)
Tagesstruktur abgestimmt
Bedürfnisse/Wünsche aufgenommen

💊 Medikation & Therapie

Einnahme der Medikation begleitet/kontrolliert
Wirkung und Nebenwirkungen beobachtet
Beobachtungen zur Medikation dokumentiert
Teilnahme an Therapien organisiert und unterstützt

📋 Pflegebeobachtungen & Dokumentation

Stimmung, Affekt, Antrieb beobachtet
Verhalten, Kommunikation, soziale Interaktion dokumentiert
Hinweise auf Suizidalität/Selbstverletzung erkannt und gemeldet
Selbst- und Fremdgefährdung beobachtet und entsprechend gehandelt
Dokumentation lückenlos, zeitnah, sachlich

🆘 Krisenintervention & Sicherheit

Frühwarnzeichen erkannt (Unruhe, Rückzug, aggressive Tendenzen)
Deeskalierendes Kommunikation angewandt
Bei Bedarf Hilfe angefordert (Alarm, Notfallteam)
Absprachen mit interdisziplinärem Team getroffen

🌱 Förderung von Selbstständigkeit & Ressourcen

Patient zur Selbstversorgung angeleitet (Hygiene, Tagesstruktur)
Ressourcen erkannt und aktiviert
Motivation gefördert (kleine Ziele gemeinsam erarbeitet)
Selbstwirksamkeit gestärkt

🔄 Schichtende / Übergabe

Relevante Beobachtungen mündlich und schriftlich weitergegeben
Übergabe an nachfolgende Pflegekraft erfolgt
Eigene Belastung reflektiert (Supervision, Gesprächsangebot nutzen)
Eintrag im Verlaufsprotokoll oder Pflegebericht abgeschlossen
0
XP gesamt
Level 1 · Einsteiger
Nächstes Level bei 50 XP

Deine Abzeichen

⭐ Sonderaufgabe – Abschlussreflexion

Beschreibe in eigenen Worten: Was nimmst du aus dem Erfahrungsbericht von Daniel Smith (Schizophrenie) für deine zukünftige Pflegepraxis mit? Welche Konsequenzen hat das für deinen Umgang mit psychisch erkrankten Menschen? Mindestens 5 Sätze.

0 / 6 Leitfragen beantwortet
1

Besonderheiten psychiatrischer Pflege

Erklären Sie die Besonderheiten psychiatrischer Pflege hinsichtlich: Aufnahme, Entlassung, Bezugspflege, 1:1-Betreuung und Aufgabenbereiche.

📚 Handlungssituation 📖 Modul: Grundlagen 📖 Modul: Bezugspflege
2

Beziehungsgestaltung & Krankenbeobachtung

Erläutern Sie die Besonderheiten der Beziehungsgestaltung in der psychiatrischen Pflege. Gehen Sie dabei auf die Krankenbeobachtung ein.

📖 Modul: Beziehungsgestaltung 📖 Modul: Krankenbeobachtung
3

Beziehungsgestaltung am Fallbeispiel Jenny

Diskutieren Sie die Beziehungsgestaltung anhand des Fallbeispiels „Jennys neue Freundin". Was lief gut, was war problematisch? Was hätte Kristin anders machen können?

📚 Handlungssituation lesen 📖 Fallerweiterung lesen
4

Die 10 Leitsymptome

Beschreiben Sie alle 10 Leitsymptome psychiatrischer Störungen mit Fachbegriffen und je einem klinischen Beispiel.

📖 Modul: 10 Leitsymptome
5

Leitsymptome zuordnen – Jenny & Daniel

Ordnen Sie den Fallbeispielen „Jennys neue Freundin" und „So fühlt sich akute Schizophrenie an" konkrete Leitsymptome mit Fachbegriffen zu.

📚 Jenny – Fallerweiterung 🧠 Daniel – Schizophrenie
6

Klassifikationssysteme ICD & DSM + Bio-psycho-soziales Modell

a) Stellen Sie Aufbau und Unterschiede von ICD und DSM gegenüber. b) Beschreiben Sie das Bio-psycho-soziale Krankheitsmodell anhand der Lernsituation „Jennys neue Freundin".

📖 Modul: Klassifikation 📖 Modul: Krankheitsmodelle 📚 Fallerweiterung Jenny

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