Lerneinheit 11.1.1 · mediCampus Chemnitz
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Aufnahme, Entlassung, Besonderheiten, Aufgabenbereiche
Psychiatrische Stationen unterscheiden sich grundlegend von somatischen Bereichen: wohnlichere Atmosphäre, Alltagskleidung für alle, keine sichtbare Hierarchie durch Berufskleidung.
Die Aufnahme kann sehr unterschiedlich verlaufen – sie kann als Entlastung erlebt werden oder aber unfreiwillig erfolgen. Der Klinikschock kann zu Kurzschlussreaktionen bis hin zum Suizidversuch führen.
Fixierung (medikamentös/physisch): Arztanordnung zwingend erforderlich, schriftliche Dokumentation, angemessener und wertschätzender Umgang auch in dieser Situation.
Die Entlassung muss langfristig und umfangreich vorbereitet werden. Komplikationen bei der Rückkehr in das bestehende soziale Umfeld sind zu erwarten.
Indikationen:
Supervision ist in der psychiatrischen Pflege keine Option, sondern professionelle Notwendigkeit. Sie dient der Erörterung von Problemsituationen, dem Umgang mit schwierigen Patient*innen und dem Abbau von Teamspannungen.
Patient*innen übertragen Gefühle und Erwartungen aus früheren Beziehungen auf die Pflegeperson (z.B. Mutter-/Vaterübertragung).
Die eigene emotionale Antwort auf die übertragenen Emotionen – kann Wahrnehmung und Handeln stark beeinflussen. Selbstreflexion essenziell!
Wahrnehmung, Subjektivität und professionelle Dokumentation
Eigene Wahrnehmung wird durch verschiedene Prozesse beeinflusst – dies muss aktiv reflektiert werden:
Professionelle Nähe, Krankheitsmodelle und ethische Grenzen
Grundprinzipien:
Häufige Probleme:
Psychische Störungen als körperliche Erkrankungen des Gehirns – Genetik, Neurotransmitter, Hirnstrukturen.
Unbewusste Konflikte, frühkindliche Erfahrungen und Beziehungsmuster prägen psychische Gesundheit (Freud, Jung).
Psychische Störungen als erlernte Verhaltensmuster – Konditionierung, Lerngeschichte, Verhaltenstherapie.
Soziale Strukturen, Ungleichheit und gesellschaftliche Normen als Ursachen psychischer Erkrankungen.
Integration aller Faktoren: biologisch + psychologisch + sozial. Heute Standard in Diagnostik und Therapieplanung.
Kontinuierliche Beziehungsgestaltung als Pflegesystem
Einer Pflegeperson wird eine feste Gruppe von Patient*innen zugeordnet. Sie ist verantwortlich für die Pflegeplanung und kontinuierliche Beziehungsgestaltung – auch wenn sie nicht täglich anwesend ist.
Verantwortung: Koordination, Planung, Advocacy
Weiterentwicklung der Bezugspflege: Eine Primary Nurse ist 24/7 verantwortlich für einen Patienten, auch über Schichtgrenzen hinweg. Associate Nurses übernehmen nach denselben Pflegeplänen.
Kernmerkmal: Dezentralisierung der Verantwortung
Auszubildende sind keine Bezugspflegepersonen – aber sie unterstützen das System aktiv. Das Fallbeispiel Kristin & Jenny zeigt die Risiken, wenn Auszubildende unbewusst Bezugspflege-Funktionen übernehmen, ohne den institutionellen Rahmen zu beachten.
ICD, DSM, ICF, OPD – Diagnose und ihre Bedeutung
Eine Diagnose bedeutet die „zweifelsfreie Zuordnung von Symptomen zu einem Krankheitsbegriff" (Pschyrembel) – sie dient der Deskription, Fallidentifikation, Therapieindikation und Prognosestellung.
Das von der WHO herausgegebene und international gültige Klassifikationssystem. Kapitel F beschreibt psychiatrische Störungen.
| Code | Störungsgruppe |
|---|---|
| F0 | Organische, einschließlich symptomatischer psychischer Störungen |
| F1 | Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen |
| F2 | Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen |
| F3 | Affektive Störungen (Depression, Manie, Bipolare Störung) |
| F4 | Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen (inkl. Angststörungen) |
| F5 | Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren |
| F6 | Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen |
| F7 | Intelligenzminderung |
| F8 | Entwicklungsstörungen |
| F9 | Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in Kindheit/Jugend |
Amerikanisches System der APA, international weit verbreitet. Detailliertere Beschreibungen als ICD. Wichtiger Unterschied: Schizophrenie-Symptome müssen laut DSM über 6 Monate vorhanden sein (ICD: 1 Monat).
WHO-Klassifikation von 2001 – erfasst Funktionsfähigkeit und Behinderung. Ergänzt ICD um Krankheitsfolgen. Besonders relevant für Rehabilitation und Pflege.
Für Psychotherapie und Psychosomatik entwickelt – erfasst Beziehungsmuster, Konflikte und psychische Strukturen. Ergänzt ICD um psychodynamische Aspekte. OPD-2 auch als Instrument für Therapieplanung und Veränderungsmessung nutzbar.
Hierarchische Taxonomie der Psychopathologie – dimensionaler Ansatz
ICD und DSM sind die aktuellen Standards – aber sie haben bekannte Schwächen, die in der Forschung schon lange diskutiert werden:
Faktorenanalysen zeigen: Psychische Störungen lassen sich auf wenige übergeordnete Dimensionen reduzieren. Forscher wie Krueger und Markon identifizieren „Internalizing" und „Externalizing" als robuste Superspektren.
Ein internationales Forschungskonsortium formiert sich. Ziel: ein empirisch fundiertes, hierarchisches Klassifikationssystem auf Basis von Faktorenanalysen, Zwillingsstudien und Biomarkern. Erste Publikation in Psychological Medicine.
Das Modell wird erweitert um Psychose-Spektrum, Detachment, Somatoform und Neurodevelopmental. Erste Messinstrumente entstehen (HiTOP-SR). Genetische Studien bestätigen die Spektrenstruktur.
Das offizielle Selbstbericht-Messinstrument (HiTOP Self-Report) wird für die Forschungspraxis freigegeben. Internationale Normierungsstudien laufen.
HiTOP befindet sich noch in der Forschungs- und Entwicklungsphase. Es gibt noch keine Abrechnungs-Codes, keine verbindlichen klinischen Leitlinien und keinen breiten Einsatz in der Routineversorgung.
Depression (F32/F33), Dysthymie, PTBS, Generalisierte Angststörung (F41.1)
Panikstörung (F41.0), Agoraphobie (F40.0), Soziale Phobie (F40.1), Spezifische Phobien (F40.2)
Substanzmissbrauch (F10–F19), ADHS (F90), Störung des Sozialverhaltens (F91)
Antisoziale Persönlichkeitsstörung (F60.2), Dissoziale Störungen
Schizophrenie (F20), Schizoaffektive Störung (F25), Wahnhafte Störung (F22)
Schizoide PSt. (F60.1), Vermeidend-Selbstunsichere PSt. (F60.6)
HiTOP zeigt, wohin sich die psychiatrische Diagnostik entwickeln könnte. Als Pflegefachkraft hilft euch dieses Wissen, aktuelle Forschungsliteratur besser zu verstehen und Komorbidität bei Patient*innen neu zu denken – auch wenn ihr im Alltag weiterhin mit ICD-Diagnosen arbeitet.
Erschöpfung, Schlafstörungen, Alkoholkonsum, sozialer Rückzug. Trennung vor 6 Monaten, hoher Arbeitsdruck, kaum soziales Netz.
Typische, zentrale Anzeichen psychischer Erkrankungen – Kernwissen für Lernzielkontrolle
| # | Leitsymptom | Ausprägungen & Fachbegriffe |
|---|---|---|
| 1 | Bewusstseinsstörungen | Somnolenz, Sopor, Koma; Bewusstseinstrübung, -einengung, -erweiterung (Dämmerzustände) |
| 2 | Orientierungsstörungen | 4 Dimensionen: Zeit, Ort, Situation, Person; Desorientierung je Dimension möglich |
| 3 | Antriebsstörungen & Psychomotorik | Gesteigerter/verminderter Antrieb, Antriebsverlust; Motorische Unruhe, Stereotypien, Katatonie, Mutismus, Echopraxie/Echolalie |
| 4 | Gedächtnisstörungen | Kurzzeitgedächtnis (Speicher-/Abrufstörung), Langzeitgedächtnis (Amnesie: retrograd/anterograd), Konfabulationen, Déjà-vu/Jamais-vu |
| 5 | Aufmerksamkeits- & Konzentrationsstörungen | Aufmerksamkeit = Lenken der Wahrnehmung; Konzentration = Aufrechterhalten über Zeit; Ablenkbarkeit, Erschöpfung, Tunnelblick |
| 6 | Denkstörungen | Geschwindigkeit: Gedankenrasen/Verlangsamung; Ablauf: Gedankenabriss, Denkblockade; Inhalt: Wahn (Beziehungs-, Größen-, Schuld-, Vergiftungswahn), komplexe Wahnsysteme; Paralogisches Denken |
| 7 | Wahrnehmungsstörungen | Halluzinationen: akustisch, visuell, olfaktorisch, gustatorisch, haptisch, zoenästhetisch; Illusion vs. Halluzination; Depersonalisation/Derealisation |
| 8 | Affektstörungen | Affektverflachung bis chronische Leere; inadäquater Affekt (Parathymie); Dysthymie; Euphorie/Dysphorie; Affektinkontinenz; Unterschied Affekt (kurz, intensiv) vs. Stimmung (anhaltend) |
| 9 | Störungen des Ich-Erlebens | Gedankenausbreitung, Gedankenentzug, Gedankeneingebung; Störungen der Handlungskontrolle (Gefühl des Gemachten); Dissoziation (alltäglich vs. pathologisch/Traumafolge) |
| 10 | Selbstverletzendes Verhalten | Physisch (Schneiden, Verbrennen, Haare ausreißen…), Psychisch (Selbstabwertung, Schulden…), Sozial (Isolation, On-Off-Beziehungen…); Ursachen: Druckabbau, Selbstbestrafung, Lustgewinn, Aufmerksamkeit |
Schatten, Personen, Tiere – Sehen von Dingen, die nicht vorhanden sind
Kommentierend, dialogisierend, imperativ (Anweisungen). „Stimmen, die über mich sprechen"
Brand- oder Gasgeruch ohne Quelle – oft mit Vergiftungswahn verbunden
Bitterer oder metallischer Geschmack ohne Ursache
Tiere/Insekten auf der Haut; zoenästhetisch: innere Organe verwandeln sich (Leibeshalluzination)
Fehlwahrnehmung eines tatsächlich vorhandenen Reizes – das passiert jedem normalen Menschen!
| Leitsymptom | NANDA-Pflegediagnose | Kennzeichen (Auswahl) |
|---|---|---|
| Wahrnehmungsstörungen | Gestörte Sinneswahrnehmung (00122) | Halluzinationen, veränderte Reaktion auf Reize, Desorganisation |
| Denkstörungen / Wahn | Gestörte Denkprozesse (00130) | Wahnideen, nicht realitätsbezogenes Denken, Gedankenflucht |
| Antriebsstörungen | Erschöpfung (00093) / Aktivitätsintoleranz (00092) | Antriebslosigkeit, verminderte Belastbarkeit, Rückzug |
| Affektstörungen | Hoffnungslosigkeit (00124) / Chronisches Selbstwertdefizit (00119) | Niedergeschlagenheit, negative Selbstaussagen, sozialer Rückzug |
| Selbstverletzendes Verhalten | Selbstverstümmelungsgefahr (00139) | Narben, Aussagen über Selbstverletzung, impulsives Verhalten |
| Suizidalität | Suizidgefahr (00150) | Äußerungen von Suizidabsichten, Hoffnungslosigkeit, Vorbereitungshandlungen |
| Orientierungsstörungen | Akute Verwirrtheit (00128) | Desorientierung zu Zeit/Ort/Person, wechselndes Bewusstsein |
| Ich-Erleben gestört | Persönliche Identitätsstörung (00121) | Unsicheres Selbstbild, Depersonalisation, Ich-Auflösung |
| Soziale Isolation | Soziale Isolation (00053) | Rückzug, fehlende soziale Kontakte, Einsamkeitsgefühl |
| Angst | Angst (00146) | Innere Unruhe, vegetative Zeichen, Panikattacken, Vermeidung |
Erleben, ICD-Kriterien, Pflege – aus der Betroffenen-Perspektive
Mindestens ein Symptom aus Gruppe 1 ODER mindestens zwei aus Gruppe 2 über mindestens einen Monat:
Erleben, Teufelskreis, Therapie und Pflege
Akut (während der Attacke):
Langfristig:
16 Fragen zu allen Lernfeldern (LS 11.1.1)
Vollständige Texte zur Handlungssituation und zum Erfahrungsbericht – Grundlage für die Fallarbeit 0/3 gelesen
Die Auszubildende Kristin hat montags ihren ersten Einsatz auf einer psychiatrischen Station. Schon bei der Ankunft in diesem Bereich fällt ihr die andere Umgebung auf. Die Station wirkt wohnlicher und „weniger medizinisch" als die anderen Stationen ihres Krankenhauses. Die Kollegen haben Alltagskleidung an und sind nur durch ein Namensschild auf dieser als Mitarbeiter erkennbar. Auch die Patienten haben Alltagskleidung an. Eine junge Frau grüßt Sie freundlich. Kristin ist sich nicht sicher, ob diese auch eine Mitarbeiterin ist, die kein Namensschild hat oder doch eine Patientin.
In der Übergabe erfährt Kristin, dass die junge Frau Jenny heißt und Ende der Woche entlassen wird. Sie sei bereits 3 Wochen auf Station und jetzt wieder bereit, nach Hause zu gehen. Jenny ist 24 Jahre alt, war wegen Angst- und Panikzuständen in die stationäre Behandlung gekommen. Kristin findet Jenny schnell sympathisch und unterhält sich oft mit ihr. Das beide nahezu das gleiche Alter haben wirkt sich hier deutlich aus.
Am Mittwoch stellt Kristin fest, dass Jenny ängstlicher und zurückgezogener wirkt. Als sie Jenny darauf anspricht, berichtet diese, dass sie sich Sorgen macht, ob zuhause alles gut läuft. Sie habe Angst, wieder in Panikattacken zu geraten und traue sich nicht immer zu, mit diesen umgehen zu können. Sie bittet Kristin aber darum, den anderen Mitarbeitern nichts davon zu sagen, da sie nicht als schwach dastehen möchte und sich alle ja so gut um sie gekümmert hätten. Außerdem müsse es ja eh irgendwann wieder allein gehen.
Als Jenny dann freitags nach Hause entlassen wird, fragt sie die Auszubildende Kristin, ob sie ihre Nummern tauschen wollen. Die anderen Mitarbeiter sollen aber davon nichts wissen. Kristin habe ihr so gut geholfen, daher würde sie sich freuen, weiter in Kontakt mit ihr zu bleiben. Das könnte ihr sicherlich auch helfen, besser mit den Panikattacken umzugehen. Da Kristin sich gut mit ihr verstanden hat, willigt sie ein und beide tauschen ihre Kontaktdaten aus. Noch nachmittags erhält die Auszubildende Kristin von Jenny eine Nachricht, in der sich Jenny nochmal für die Hilfe bedankt. Beide schreiben am Wochenende recht viel miteinander und tauschen sich auch über Kristins Beziehung aus, in der es aktuell einige Probleme gibt.
Am Montag ist Kristin wieder auf der psychiatrischen Station. Es ist ihr aufgefallen, dass sie Jenny eigentlich mehr erzählt hat als sie wollte. Daher wendet sie sich an die Psychologin der Station und bittet um ein persönliches Gespräch, in der sie dieser von der Situation berichtet.
Als Jenny vor drei Wochen in die psychiatrische Station kam, war sie ein Schatten ihrer selbst. Angst- und Panikattacken hatten ihr Leben fest im Griff. Immer wieder beschrieb sie, wie diese Zustände sie aus dem Nichts überfielen: Ein plötzliches Herzrasen, das sich anfühlte, als würde ihr Herz aus der Brust springen, gefolgt von einer erdrückenden Enge in der Brust, die sie kaum atmen ließ. Ihre Hände zitterten, ihr wurde schwindelig, und ein Gefühl der Übelkeit machte sich breit. Oft hatte sie das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren oder sogar ohnmächtig zu werden.
„Es ist, als würde ich sterben", sagte sie in einem der ersten Gespräche auf der Station.
Diese Attacken wurden durch ihren stressigen Berufsalltag als Verkäuferin noch verstärkt. Jenny liebte eigentlich ihren Job und den Kontakt mit Kunden, doch in den letzten Monaten wurde die Arbeit zunehmend zur Belastung. Die ständige Angst, eine Panikattacke zu bekommen, lähmte sie. Oft stand sie an der Kasse, die Schlange wurde länger, und sie konnte spüren, wie sich die Panik langsam aufbaute. Es fühlte sich an, als würde der Boden unter ihren Füßen verschwinden. Häufig musste sie sich dann unter einem Vorwand in den Pausenraum zurückziehen, um sich zu beruhigen. Doch diese „Strategie" half nur bedingt. Ihre Kolleginnen waren zwar verständnisvoll, doch die Schuldgefühle und der Druck wuchsen weiter.
Schließlich wurde der Druck so groß, dass Jenny sich krankmeldete. Zu diesem Zeitpunkt wusste sie, dass sie alleine nicht mehr klarkommen würde. Der Weg in die Klinik war ein verzweifelter, aber notwendiger Schritt.
Maßnahmen und Therapie
Die ersten Tage auf der Station waren schwierig. Jenny fühlte sich fremd in dieser neuen Umgebung. Die wohnliche Atmosphäre der Station, die sich deutlich von den sterilen Gängen eines normalen Krankenhauses unterschied, konnte ihr anfänglich nur wenig Trost spenden. Doch mit der Zeit fand sie Gefallen an der Ruhe und dem strukturierten Tagesablauf. Die Alltagskleidung, die sowohl Patienten als auch Mitarbeiter trugen, trug dazu bei, dass sie sich weniger wie eine „Patientin" fühlte und mehr wie ein Mensch, der auf dem Weg der Besserung war.
Ein wichtiger Bestandteil von Jennys Therapie war die Bedarfsmedikation mit Tavor (Lorazepam). Diese wurde ihr zu Beginn der Behandlung verschrieben, um in besonders akuten Situationen schnelle Linderung zu schaffen. Die erste Einnahme fiel ihr schwer – Jenny hatte Angst, davon „abhängig" zu werden. Doch als sie in einer Gruppensitzung eine beginnende Panikattacke verspürte und die Tablette nahm, war sie erstaunt, wie schnell sich ihre Symptome beruhigten. Die Sicherheit zu wissen, dass sie im Notfall eine Unterstützung hatte, gab ihr etwas mehr Kontrolle zurück.
Neben der medikamentösen Unterstützung umfasste Jennys Therapie vor allem kognitive Verhaltenstherapie (KVT) und regelmäßige Gruppensitzungen. Hier lernte sie, ihre Ängste zu hinterfragen und sich nicht von ihnen beherrschen zu lassen. In den Einzelgesprächen mit der Psychologin arbeitete sie an Strategien, um Panikattacken zu bewältigen. Sie begann, ein Tagebuch zu führen, in dem sie ihre Gedanken und Gefühle festhielt, um Muster zu erkennen und ihre Fortschritte zu sehen. Außerdem wurden ihr Atemübungen beigebracht, die ihr helfen sollten, in akuten Situationen Ruhe zu bewahren.
Die Begegnung mit Kristin
In ihrer dritten Woche auf der Station kam die Auszubildende Kristin zum ersten Mal auf die psychiatrische Station. Kristin war zunächst unsicher, da die Atmosphäre so anders war als in anderen Krankenhausbereichen, doch schnell fühlte sie sich wohl. Besonders die Begegnung mit Jenny blieb ihr im Gedächtnis. Die beiden verstanden sich auf Anhieb, was sicherlich auch daran lag, dass sie im gleichen Alter waren.
Jenny fühlte sich zu Kristin hingezogen – nicht nur, weil diese ein freundliches und offenes Wesen hatte, sondern auch, weil sie jemanden in ihrem Alter auf der Station als Bezugsperson empfand. Die beiden unterhielten sich oft, und Jenny begann, Kristin von ihren Sorgen zu erzählen. Kristin hörte geduldig zu und gab ihr das Gefühl, verstanden zu werden.
Der Wendepunkt
Am Mittwoch, nur wenige Tage vor ihrer geplanten Entlassung, bemerkte Kristin, dass Jenny stiller und zurückgezogener war als sonst. Auf Nachfragen vertraute Jenny ihr an, dass sie Angst vor der Rückkehr nach Hause hatte. Sie befürchtete, die Panikattacken könnten zurückkommen und sie würde wieder allein damit dastehen. Dennoch bat sie Kristin, niemandem davon zu erzählen, da sie nicht als schwach gelten wollte. Kristin versprach ihr, nichts weiterzusagen, versuchte aber, Jenny zu ermutigen, ihre Sorgen mit dem Team zu teilen.
Die Entlassung und der Kontakt danach
Am Freitag wurde Jenny schließlich entlassen. Sie wirkte nervös, aber entschlossen. Kurz vor ihrer Abreise bat sie Kristin darum, ihre Kontaktdaten auszutauschen. Jenny erklärte, dass Kristin ihr so gut geholfen habe und sie sich sicher sei, dass der Kontakt ihr weiterhin helfen könnte. Kristin, die Jenny ins Herz geschlossen hatte, willigte ein.
Vor etwa einem Jahr fing es an. Ich erkannte mich selbst nicht mehr wieder.
Meine Schlafgewohnheiten veränderten sich zuerst. Über einen Zeitraum von zwei Wochen fiel es mir zunehmend schwerer einzuschlafen. Für mich als 24-jährigen jungen Mann mit ordentlichem Hasch-Vorrat war das bisher kein Problem gewesen. Es war merkwürdig. Ich legte mich nachts hin und war einfach nicht in der Lage, mein Gedankenkarussell anzuhalten. Meine Gedanken waren wie Ranken, sie wuchsen übereinander und verhedderten sich ineinander, wie eine große Wand mit Efeu. In manchen Nächten zog ich mir die Decke über den Kopf, vergrub mein Gesicht in meinen Händen und flüsterte: „Haltet. Die. Klappe."
Irgendwann konnte ich schließlich einschlafen, doch nach dem Aufwachen fühlte ich mich seltsam. Als ob ich vergessen hatte, etwas zu tun oder jemandem etwas zu sagen. Ich hatte auch nicht so viel Hunger wie sonst. Trotzdem machte ich weiter wie bisher. Ich dachte mir, ich müsste bloß für eine Weile mit dem Hasch aufhören. Ich machte mir keine Sorgen.
Ich ging weiter zur Arbeit (bei einem Weinhändler) und versuchte, die nächtlichen Episoden zu verdrängen. Erst jetzt, im Nachhinein, erkenne ich, dass ich damals schon Schwierigkeiten mit den einfachsten Gesprächen hatte. Wenn mein Chef mir auftrug, eine Lieferung zu überprüfen, dauerte es immer ein paar Sekunden, bis ich verarbeitet hatte, was er zu mir gesagt hatte. Es war, als würden zwei oder drei Menschen gleichzeitig sprechen. Morgens die Lieferscheine zu betrachten und daraus schlau zu werden, war wie der Versuch, einen Baum im Nebel auszumachen: nicht unmöglich, aber schwierig.
Ich nahm alles wie durch einen Nebel wahr. Mir kam es dauernd so vor, als würden Sachen gleich umfallen – ich schaute z. B. auf ein Regal und hatte den Eindruck, dass eine oder zwei Flaschen gleich umkippen würden. Ich schaute weg und wieder hin und alles war in Ordnung. Es kam mir auch dauernd so vor, als ob das Telefon klingeln würde, obwohl wir gar kein Telefon im Warenlager hatten. Wenn jemand fragte, ob es mir gut ging, antwortete ich einfach, dass ich in letzter Zeit schlecht schlief.
Von dieser anfänglichen Schlaflosigkeit an dauerte es noch etwa zwei Monate, bis mir der Gedanke kam, dass etwas definitiv nicht mit mir stimmte. Die nächtlichen Gedankenkraken, wie ich sie irgendwann nannte, wurden immer bizarrer. Wenn der Fernseher lief, konnte ich manchmal nicht mehr zwischen den Geräuschen unterscheiden, die aus dem Fernseher kamen, und denen, die ich in meinem Kopf hörte. Es war beängstigend.
Eines Nachts, als ich mir gerade Homeland anschaute, hatte ich eine Panikattacke. In jener Nacht fing ich an, vor Kälte zu zittern, obwohl meine Haut glühte. Meine Beine zitterten unter der Bettdecke, während sich eine Kakofonie in meinem Kopf ausbreitete. Es war, als würde sich eine Gruppe von Menschen neben meinem Kopfkissen unterhalten. Nichts Dramatisches, nur eine stete, verwirrende Geräuschkulisse. Im Schein des flackernden Fernsehbildes verlor ich langsam den Verstand.
Ich schlief die ganze Nacht nicht und fühlte mich wie gelähmt. Meine Schlafzimmertür war zur Grenze meiner Welt geworden. Ich war wirklich fest davon überzeugt, dass meine Eingeweide rausfallen würden, wenn ich mein Zimmer verließe. Das war nicht mehr ich, der zu große Angst davor hatte, ins Badezimmer zu gehen, und sich deshalb entschied, in ein Glas zu pinkeln. Das war nicht ich, der sich die Spitze eines Teppichmessers in die Ferse rammte, in dem Versuch, der Verzweiflung ein Ende zu setzen.
„Ich will zu meiner Mama."
Glücklicherweise war sie nur ein Stockwerk entfernt. Ich rief meine Mutter an. Sie rang nach Luft, als sie mein Zimmer betrat – ich hatte alle meine Fernbedienungen zerlegt, sodass meine Matratze übersät war mit kleinen Leiterplatten, Urin und Blut. Ich saß in meiner Hose da, weinte und erzählte meiner Mutter, dass jemand von mir Besitz ergriffen hätte. Sie rief einen Krankenwagen.
Als der Krankenwagen ankam, dachte ich anscheinend, dass die Sanitäter Fotos von mir machten. Ich wurde wütend und versuchte, sie zu boxen. Ich schrie, es sei gegen das Gesetz, Fotos von mir zu machen, und dass ich Rechte hätte. Von der Fahrt im Krankenwagen weiß ich nur noch, dass meine Mutter meine Beine festhalten musste. Ich hätte geschrien, dass ich nicht auf die Autobahn will, weil sich Menschen in den Blitzgeräten verstecken.
Die Diagnose und der Weg zurück
Das, was ich euch oben beschrieben habe, wird als psychotischer Schub bezeichnet. Es ist beispielhaft für akute Schizophrenie, die Krankheit, die bei mir diagnostiziert wurde. Psychose wird definiert als Verlust des Wirklichkeitsbezugs. Ich kam für anderthalb Wochen ins Krankenhaus und wurde sofort auf antipsychotische Medikamente gesetzt. Aus dieser Zeit weiß ich nur noch, dass mir häufig übel war und ich es anstrengend fand, mit anderen Menschen zu sprechen.
Ich erinnere mich an den Tag, an dem ich meinen Weg zurück in die Realität fand, als die neuen Medikamente anfingen zu wirken. Mein Bruder besuchte mich zusammen mit meiner Mutter. Wir schauten uns drei Folgen Breaking Bad an. Ich lachte über etwas, das Saul gesagt hatte, und hatte den Eindruck, dass es bergauf gehen könnte.
„Kartoffelpüree wird für mich nie wieder selbstverständlich sein."
Der Weg zu meiner Genesung war steinig. Das Personal in der Psychiatrie war super. Nachdem ich nach Hause entlassen worden war, besuchte mich einmal die Woche ein Sozialarbeiter. Ambulante Therapiesitzungen mit einem ziemlich geradlinigen Mann namens Gregg halfen mir zu begreifen, was mit mir geschehen war. Er brachte mir Techniken bei, mit deren Hilfe ich die Panik unter Kontrolle bekommen konnte. Er brachte mir bei, nicht ständig Angst vor einem Rückfall zu haben.
Inzwischen ist ein Jahr vergangen, ohne dass ich einen Rückfall erlitten hätte. Ich werde weiterhin meine Medikamente nehmen müssen, aber das ist schon in Ordnung. Ich arbeite wieder, komme unter Leute, halte mich fit und spiele Fußball.
Ich wollte diese Geschichte niederschreiben, weil die Diagnose Schizophrenie, bevor ich selbst erkrankte, für mich einem Todesurteil gleichkam. Das hat aber nichts mit der Wirklichkeit zu tun, vorausgesetzt Schizophrenie wird früh erkannt und richtig behandelt. Wenn du das Gefühl hast, dass du von der Rolle bist, dann sprich mit deinem Arzt.
„Wenn es um eure geistige Gesundheit geht, dann darf Scham keine Rolle spielen."
*Alle Namen wurden geändert.
Fallbasiertes Lernen zu LS 11.1.1
Angststörung · Stationäre Aufnahme · Entlassung
📝 Aufgabe 1a: Beschreiben Sie Jennys Leitsymptome mit Fachbegriffen und ordnen Sie diese den 10 Leitsymptomen zu. Welchem ICD-10-Kapitel wäre ihre Erkrankung zuzuordnen?
📝 Aufgabe 1b: Formulieren Sie zwei pflegerische Maßnahmen – eine für die Akutphase und eine für die längerfristige Begleitung. Begründen Sie fachlich.
Beziehungsethik · Schweigepflicht · Supervision
📝 Aufgabe 2a: Analysieren Sie ethisch-professionell: Welche Fehler hat Kristin gemacht, und warum handelt sie trotzdem richtig, indem sie zur Psychologin geht?
📝 Aufgabe 2b: Wie hätte Kristin am Mittwoch (Bitte um Schweigen) professionell reagieren sollen? Formulieren Sie einen konkreten Gesprächseinstieg.
Psychose · Symptomzuordnung · ICD-10
📝 Aufgabe 3a: Markieren Sie im Fallbericht alle Symptome und ordnen Sie diese den 10 Leitsymptomen mit Fachbegriffen zu (z.B. „akustische Halluzinationen" → Leitsymptom 7).
📝 Aufgabe 3b: Welche ICD-10-Kriterien für Schizophrenie (F20) erfüllt Daniel? Begründen Sie, welche Gruppe 1- bzw. Gruppe 2-Symptome vorliegen.
Psychiatrische Pflege in der 1:1-Betreuung (LF 11.1.1 / Frau Kuntze)
Deine Lernreise auf einen Blick
Beschreibe in eigenen Worten: Was nimmst du aus dem Erfahrungsbericht von Daniel Smith (Schizophrenie) für deine zukünftige Pflegepraxis mit? Welche Konsequenzen hat das für deinen Umgang mit psychisch erkrankten Menschen? Mindestens 5 Sätze.
LS 11.1.1 – Beantworte die Leitfragen zur Prüfungsvorbereitung. Deine Antworten werden lokal gespeichert.
Erklären Sie die Besonderheiten psychiatrischer Pflege hinsichtlich: Aufnahme, Entlassung, Bezugspflege, 1:1-Betreuung und Aufgabenbereiche.
Erläutern Sie die Besonderheiten der Beziehungsgestaltung in der psychiatrischen Pflege. Gehen Sie dabei auf die Krankenbeobachtung ein.
Diskutieren Sie die Beziehungsgestaltung anhand des Fallbeispiels „Jennys neue Freundin". Was lief gut, was war problematisch? Was hätte Kristin anders machen können?
Beschreiben Sie alle 10 Leitsymptome psychiatrischer Störungen mit Fachbegriffen und je einem klinischen Beispiel.
Ordnen Sie den Fallbeispielen „Jennys neue Freundin" und „So fühlt sich akute Schizophrenie an" konkrete Leitsymptome mit Fachbegriffen zu.
a) Stellen Sie Aufbau und Unterschiede von ICD und DSM gegenüber. b) Beschreiben Sie das Bio-psycho-soziale Krankheitsmodell anhand der Lernsituation „Jennys neue Freundin".